Frau Meta und Herr Beta

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Wie aus E-Learning soziales Lernen wird

Michael Lindner

Michael Lindner

Nach einem gängigen Vorurteil ist E-Learning eine wenig soziale Lernform. Anstatt mit anderem in einem Seminar oder Klassenraum bin ich allein mit dem Computer und lerne am Bildschirm. Das Vorurteil ist nicht ganz falsch, digitales Lernen kann aber auch als soziales Lernen funktionieren.

Der Anfang war ziemlich ernüchternd, obwohl es doch so vielversprechend aussah. Im letzten Jahr absolvierte ich meinen ersten MOOC. MOOC steht für “Massive Open Online Course” und bezeichnet einen Onlinekurs, der oft von Universitäten angeboten wird und komplett Online stattfindet. “Massive” ist ein MOOC, da ein solcher Kurs häufig einige tausend, wenn nicht sogar zehntausend Teilnehmer haben kann. An dieser Lernform begeistert mich, dass die Möglichkeiten digitaler Technik voll ausgeschöpft werden. Anstatt ein klassisches Lernformat einfach digitale abzuhalten und dann bei wenig ambitionierten “Online-Präsenzveranstaltungen”, geht ein MOOC andere Wege. Das Lernangebot findet fast immer asynchron statt, die Lernenden können einfach dann Lernen, wann es ihnen passt – ein sehr großer Vorteil. Darüber hinaus sind MOOCs zugänglich und erschwinglich, der ganze Anmeldungsprozess ist einfach und funktioniert ohne größere Hürden.

Es reichen ein paar Mausklicks und ich hatte den Kurs gebucht. Ich habe meinen Kurs über Coursera gebucht, das den User eine Amazon-ähnliche Oberfläche bietet. Sie können die Oberfläche durchsuchen und nach Themen sortieren. Es gibt sogar – kein Witz – ein Empfehlungssystem, das ähnlich wie bei Amazon aussieht. Sie sehen populäre Kurse und bekommen Empfehlungen aufgrund Ihrer Auswahl und Browsergeschichte. Auch Bildung kann man shoppen! Die Kosten sind relativ niedrig, was sich durch die hohen Teilnehmerzahlen dennoch für die Anbieter rechnet.

Auch wenn die Präsentation des Lernangebots auf Coursera manchmal etwas grotesk wirkt, ist doch faszinieren, wie der Zugang zu Bildungsangeboten durch die Digitalisierung so viel einfacher wird. Das Thema Zugänglichkeit finde ich faszinierend an MOOCs und an digitaler Bildung generell. Es geht ja nicht nur darum, weniger reisen zu müssen. Sondern mit der Digitalisierung werden buchstäblich Zugang zu Bildungsangeboten möglich, die vor einigen Jahren noch verschlossen waren. Sie können über Coursea oder EdX Kurse an namhaften Hochschulen belegen. Also etwa Entrepreneurship in Harvard belegen oder einen Kurs zu Python am MIT. Wer hatte vor 10 Jahren schon die Möglichkeit dazu?

Entrepreneurship: Top – Soziales Lernen: Flopp

Ich hatte mich im letzten Jahr in eine Spezialisierung zu Entrepreneurship eingeschrieben und zwei Module belegt. Der Kurs fand über Coursera statt und war ein Kurs der School of Entrepreneurship von Wharton. Und so sah dann mein Lernprozess aus. Ich sah mir Videos an und las Literatur zu bestimmten Themen und musste jede Woche einen kleinen Test bestehen. Die Videos wurden von den Professoren aus Wharton vorbereitet. Die Tests waren ausschließlich Multiple-Choice Tests, in dem das Wissen aus den inhaltlichen Teilen abgefragt wurde.

Der Kurs war sehr gut – der Input war großartig gestaltet und auf den Punkt. Auch die Tests waren anspruchsvoll und so gehalten, dass ich die Inhalte gut verstanden haben musste, damit ich bestand. Eine zusätzliche Lernerfahrung war, dass auch Multiple-Choice Prüfungen anspruchsvoll sein können. Aber eine Sache fehlte. Das soziale Lernen war relativ schwach ausgeprägt. Es gab zwar ein großes Diskussionsboard, das wurde aber wenig genutzt. Ein Diskussionsforum ist zwar nett, aber muss auch richtig eingesetzt werden – dazu gleich mehr. Sondern das Lernen fand überwiegend alleine statt, ich eignete mir die Inhalte an und musste dann das Wissen reproduzieren.

Soziales Lernen in digitalen Lernumgebungen

Ich denke, diese Erfahrung ist verbreitet bei digitalen Lernangeboten. Wenn es kein Präsenzkurs ist, in dem die Teilnehmer ein Liveseminaren verfolgen, kann sich eine digitale Lernerfahrung recht einsam anfühlen. Aber das muss nicht sein. Zwei weitere Beispiele haben mich vom Gegenteil überzeugt. Ein zweiter Kurs, den ich über Coursera besuchte, war ein MOOC zum Thema Online-Kurse mit dem Titel “Learning To Teach Online“. In diesem Kurs war der Aufbau ganz anders. Zwar gab es auch die obligatorischen kurzen Lehrvideos, aber das war didaktisch eher die Ausnahme. Zu den einzelnen Aufgaben und Fragen gab es Gruppendiskussion im Forum. Dabei musste man andere Beiträge kommentieren oder ein Konzept zu einer bestimmten Frage entwickeln.

Und das waren dann auch Prüfungsleistungen – Konzepterstellung und Feedback zu anderen Konzepten. Der zweite Unterschied waren individualisierte Lernpfade. Es gab Multiple-Choice Fragen, die dienten aber dazu, den Lernenden eine bestimmte Auswahl an Material an die Hand zu geben. Und zwar genau zu den offenen Fragen und den Wissenslücken. Der Unterschied zum MOOC in Wharton war vergleichbar wie der zwischen einer Vorlesung und einem Seminar oder einem Workshop. Im zweiten MOOC kamen viel stärker Diskussionen auf und ich nahm die anderen stärker als Teilnehmer wahr. Das hatte auch mit der Anwesenheit der Dozenten zu tun. Auf Fragen oder Anliegen in den Diskussionsforen antworteten Sie sehr schnell und kompetent. Diese Art der aktiven Moderation von Onlinekursen führte zu einer stärkeren sozialen Präsenz der Teilnehmenden und der Lehrenden. Und die Lernerfahrung wurde dadurch vor allem interaktiver.

Ein zweites Beispiel, das noch einen Schritt weitergeht, war ein Kurs bei den Edunauten. Dieses Bildungsformat wurde von Nele Hirsch ins Leben gerufen und versteht sich als Graswurzel “Unkurs”, bei dem es nur Teilnehmende gibt, die sich selbst organisieren. Der Kurs funktionierte also eher wie ein Barcamp. Die Themen und die Bearbeitung der Themen entwickelte sich hier in Online-Diskussionsforen. Am Ende wurden die wichtigsten Themen zusammengefasst und herausgegeben. Eine gänzlich andere Lernerfahrung als in einem klassischen Online-Kurs. Auch wenn das Konzept sicher nicht für alle funktioniert, gab es hier eine intensive Diskussion, aus denen sich die Themen entwickelten.

Sozialer Austausch in digitalen Umgebungen

Was ich an diesen Erfahrungen bemerkenswert fand, war die Entstehung und Gestaltung sozialer Interaktionen in digitalen Umgebungen. Wir leben alle in einer analogen Welt und sind mit Bildungsinstitutionen ohne großen digitales Lernen aufgewachsen. Die Konventionen in klassischen Lernsettings sind uns alle klar. Wie eine Meldung aussieht, wann es einen Impuls gibt oder wann ich als Teilnehmer gefordert bin – spätestens dann, wenn der Dozent mir eine Moderationskarte und einen Edding in die Hand drückt, weiß ich was Sache ist. Natürlich müssen auch in klassischen Lernsettings soziale Interaktionen explizit gemacht werden, die guten alten Feedbackregeln sind ein Beispiel dafür.

Aber in digitalen Umgebungen muss der soziale Teil von Lehrveranstaltungen stärker gestaltet werden und die Konventionen müssen deutlich gemacht werden. Man könnte von Konventionsdesign sprechen. Auch hier waren explizite Anweisungen und das aktive Einfordern von Beteiligung wichtig. Und das funktionierte nur dann, wenn die Plattform auch lebendig war, also man Reaktionen auf die eigenen Beiträge sehen konnte. Ein digitaler Kurs ist also keine einmalige Konstruktion, die ich dann einfach online stelle und dann läuft das vor sich hin. Als Dozent erfordert der Kurs ein gewisses Maß an Management und aktive Interaktionen. Zumindest, wenn der Kurs auch soziales Lernen integriert und die Teilnehmenden auch ein soziales Erlebnis haben. Diese 21 Tools helfen Ihnen dabei, Ihr Webinar interaktiver zu gestalten.

Artikelbild: Pole 2006120_1280 / Quelle: Pixabay / CC0

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